Blick auf den Menschen
Wenn EMIL im Kopf mal wieder wie ein Frosch im Mixer steckt
Manchmal ist im Kopf einfach zu viel los.
Gedanken springen von einem Thema zum nächsten, längst erledigte Dinge tauchen plötzlich wieder auf, nachts werden alte Geschichten ausgegraben und am nächsten Morgen fragt man sich:
Was ist denn bitte gerade mit mir los?
Ich kenne diesen Zustand ziemlich gut. 😄
In den vergangenen zwei Wochen hatte ich zeitweise das Gefühl, mein Kopf hätte sämtliche Prioritäten, die ich mir vorher so schön sortiert hatte, einmal kräftig durcheinandergeworfen.
Dabei wusste ich eigentlich ganz genau, was wichtig, was wichtiger und wo Handeln angesagt war.
Nur mein Verstand sah das offenbar anders.
Ich habe meinem Verstand irgendwann den Namen EMIL gegeben.
Und wenn EMIL anfängt, sich im Kreis zu drehen, kann ich inzwischen sagen:
„EMIL. Ich habe dich gehört. Aber jetzt ist Ruhe.“
Das klingt vielleicht zunächst ein bisschen ungewöhnlich, vielleicht sogar abgefahren.
Aber genau darin steckt etwas, das auch aus psychologischer Sicht interessant ist.
Gedanken sind nicht automatisch die Realität
Unser Gehirn produziert ständig Gedanken. Wir planen, erinnern uns, bewerten, vergleichen, spielen mögliche Situationen durch und versuchen, aus Erfahrungen Zusammenhänge herzustellen.
Das ist grundsätzlich eine großartige Fähigkeit unseres Verstandes.
Schwierig wird es dann, wenn wir jeden Gedanken für wichtig halten.
Ein Gedanke taucht auf – und schon beschäftigen wir uns damit.
Dann kommt der nächste.
Und der nächste.
Aus einem einzelnen Gedanken wird eine Gedankenkette und irgendwann ein richtiges Gedankenkarussell.
Wir denken nicht mehr bewusst über etwas nach.
Wir werden gedacht.
Und genau an diesem Punkt kann eine kleine innere Distanz hilfreich sein.
Da ist ein Gedanke.
Ein bemerkenswerter Unterschied liegt darin, ob ich sage:
„Ich bin völlig durcheinander.“
oder:
„Ich bemerke gerade, dass mein Kopf völlig durcheinander ist.“
Der erste Satz beschreibt meinen Zustand als Teil meiner Identität.
Der zweite schafft bereits ein kleines Stück Abstand.
Ich beobachte, was in mir passiert.
In der Psychologie und Psychotherapie gibt es dafür verschiedene Konzepte. Eine wichtige Rolle spielt beispielsweise die sogenannte kognitive Defusion: Gedanken werden nicht als unumstößliche Tatsachen betrachtet, sondern als mentale Ereignisse, die kommen und wieder gehen können.
Und genau das passiert bei mir mit EMIL.
Ich muss meinen Verstand nicht bekämpfen.
Ich muss ihn auch nicht davon überzeugen, dass seine Gedanken falsch sind.
Ich erkenne einfach:
Ah. EMIL denkt gerade wieder.
Und plötzlich bin ich nicht mehr mitten im Gedankenkarussell.
Ich sitze wieder daneben.
Und dann wird es still.
Das Interessante daran ist: Ich versuche dabei nicht, gar nichts mehr zu denken.
Das wäre wahrscheinlich ohnehin ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen. 😂
Ich gebe meinem Verstand lediglich nicht mehr automatisch die Führung.
Und manchmal reicht tatsächlich ein kleiner innerer Satz:
„EMIL, später.“
Dann richte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf das, was gerade wirklich vor mir liegt.
Und genau diese Fähigkeit – die Aufmerksamkeit bewusst zu lenken – lässt sich trainieren.
Nicht indem wir unseren Kopf leer machen.
Sondern indem wir lernen, Gedanken wahrzunehmen, ohne jedem einzelnen hinterherzulaufen.
Vielleicht müssen wir nicht jeden Gedanken lösen
Das war für mich in den vergangenen Wochen eine ziemlich wichtige Übung.
Nur weil ein altes Thema wieder auftaucht, bedeutet das nicht automatisch, dass ich wieder am Anfang stehe.
Nur weil ich über etwas nachdenke, bedeutet es nicht, dass ich sofort eine Antwort finden muss.
Und nur weil mein Kopf gerade laut ist, bedeutet das nicht, dass tatsächlich etwas falsch läuft.
Manchmal braucht ein Gedanke einfach Aufmerksamkeit.
Manchmal braucht er eine Entscheidung.
Und manchmal braucht er – Ruhe.
Und was hat das mit Selbsterkenntnis zu tun?
Vielleicht mehr, als man zunächst denkt.
Denn Selbsterkenntnis bedeutet für mich nicht nur, herauszufinden, warum ich etwas tue.
Es bedeutet auch, wahrzunehmen:
Was passiert gerade in mir?
Welche Gedanken tauchen immer wieder auf?
Welche davon gehören wirklich zu mir?
Welche sind alte Muster?
Und welchen Gedanken möchte ich vielleicht gar nicht weiter folgen?
Denn bevor wir etwas verändern können, müssen wir überhaupt erst erkennen, was da gerade passiert.
Und vielleicht ist genau deshalb einer meiner liebsten Sätze inzwischen:
„EMIL, ich habe dich gehört.“
Nicht „Hör auf zu denken.“
Sondern:
„Ich habe dich gehört. Und jetzt entscheide ich, worauf ich meine Aufmerksamkeit richte.“
Das ist für mich ein ziemlich großer Unterschied.


